Das Gericht des Meeres

Oper über Schuld, Rache und Vergebung
um den mörderischen König Johann Ohneland
und die bretonische Zauberin Anne de Vitré  
von Ingo Ingensand (Musik) und Wolfgang Haendeler (Idee und Libretto)
nach der gleichnamigen Erzählung von Gertrud von le Fort (Insel Verlag)
Uraufführung im Mai 2028 am Landestheater Linz

Dem Bösen auf der Spur

Er ist einer der ganz und gar „Verdorbenen“ und stand deshalb erst unlängst gleichsam Pate bei der Namensgebung des Ich-Erzählers in Michael Köhlmeiers jüngstem, just 2025 erschienenen Roman Die Verdorbenen: John Lackland, bekannter als Johann Ohneland, König von England von 1199 bis 1216, dem, so wird in dem Roman seitens der Mutter des Protagonisten gemutmaßt, „durch die unseligen Sagen um Richard Löwenherz und Robin Hood und dann auch noch durch das Drama von Shakespeare und den Roman von Walter Scott so viel Unrecht angetan worden sei“.

Die Liste der Kronzeug*innen wider Johann Ohneland ist damit allerdings keineswegs vollständig. Es fehlt eine ebenfalls wortgewaltig anklagende Stimme, die dem mörderischen König, der den jungen Herzog der Bretonen, seinen eigenen Neffen (!), 1203 in Rouen rücksichtslos gemeuchelt haben soll, mit „dike“, der aus der griechischen Tragödie bekannten ausgleichenden Gerechtigkeit, konfrontiert. Auf der Rückreise nach England muss er sich auf dem Meere ihr stellen, wo sie unerbittlich ein Leben für das andere fordert; allerdings nicht irgendeines, sondern das von König Johanns eigenem kleinen Sohn.

Dem Guten auf der Spur

Diese literarische Stimme gehört Gertrud von le Fort (1876-1971), einer der sprachmächtigsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, die existenzphilosophische Fragestellungen mit einem tief verinnerlichten Katholizismus aufgreift und beantwortet. Als Möglichkeit der Freiheit wird darin dem Bösen dialektisch das Gute als ebensolche Wahlmöglichkeit gegenübergestellt. Folgerichtig rückt Johann Ohneland aus dem Zentrum des Geschehens und macht Platz für eine bretonische Zauberin, Anne de Vitré: Als menschliche Kriegsbeute auf einem der das königliche Hauptschiff begleitenden Schiffe und Boote sieht sie von dort aus meditierend ihrer Gefangenschaft entgegen und sorgt sich zugleich um das Schicksal des jungen Herzogs.

Darüber hinaus hat sie Kenntnis von einem magischen Lied: dem Schlaflied der Bretonen, mit dem sie das schlaflose Kind des Königs und seiner Gemahlin in einen heilsamen Schlummer singen könnte. Aber auch dieses Lied birgt in sich dialektische Kraft: Wenn Anne es ganz zu Ende sänge, brächte es keinen Schlaf, sondern den Tod.

Mit solcher Macht ausgestattet ist Anne eine Projektionsfläche für große Erwartungen: Niemand wünscht sich die Rettung des geliebten Kindes mehr als die an ihrem Mann verzweifelnde Königin; keiner wünscht den Vollzug der Rache so sehr wie Budoc, der als Bretone sich nur scheinbar König Johann als vertrauenswürdiger Überläufer angedient und zudem Anne die Mordtat des Königs hat wissen lassen; auch Anne de Vitrés Ahnfrau von Avoise, die einst mit eben diesem Lied ein ganzes englisches Regiment in den Tod gesungen haben soll, wird aus dem Jenseits heraus ihre Enkelin dazu auffordern, keine Gnade walten zu lassen. Nur König Johann wirkt erwartungslos. Leben und Tod seines Sohnes sind ihm scheinbar gleichgültig.

Zu dieser geradezu kammerspielartigen Personage aus nur fünf handelnden Personen - der König, die Königin, Budoc, Frau Avoise und Anne de Vitré - gesellt sich noch die schon im Titel genannte Naturgewalt hinzu - das Meer: eine unberechenbare Gottheit: Still ruht die Oberfläche wie ein unergründlicher Spiegel, um im nächsten Augenblick sich als Schicksalsmacht aufzutürmen, der kein Sterblicher gewachsen ist.

Mit diesem Element fühlt sich Anne de Vitré auf geradezu mystische Art und Weise verbunden. Es ist ihre Heimat und Zuflucht, ihr Maß aller Dinge, ihr Gesetz und Gericht. Wohin wird es sie führen?

Der Dichterin auf der Spur

Schon einmal ist eine Erzählung von Getrud von le Fort in ein Opernwerk transformiert worden. Ihre Bekenntnis-Dichtung Die Letzte am Schafott, in der die junge Nonne Blanche nach schweren inneren Kämpfen ihre Angst vor Gott und der Welt überwindet und sich mutig den jakobinischen Gottesleugnern der Französischen Revolution ausliefert, um mit ihren Mitschwestern unter der Guillotine ihr Leben zu lassen, wurde von dem französischen Komponisten Francis Poulenc (1899-1963) zu den Dialogues des Carmélites umgestaltet (Libretto: Francis Poulenc, nach einem Schauspiel von Georges Bernanos, nach der Erzählung von Gertrud von le Fort). Bis heute zählt Poulencs Oper zu den eindrücklichsten und wirkungsmächtigsten Opernwerken des 20. Jahrhunderts.  

Dass Gertrud von le Fort den Konflikt eines ethischen „Entweder - Oder“ einmal eine katholische Nonne und ein anderes Mal eine heidnische Zauberin durchleben und durchleiden lässt, veranschaulicht ihr die engen konfessionellen Grenzen sprengendes humanistisches Credo: Im Widerstand gegen menschenverachtende Grausamkeit formt sich in jeweils beiden Erzählungen ein Subjekt, das sich in der Auseinandersetzung mit religiösen oder weltanschaulichen Kontexten schließlich selbst als Gewissensträger begreift und frei handeln bzw. „schwimmen“ kann – auch gegen den Strom. In solcher Autor*innenschaft wird Gertrud von le Fort über ihr katholisches Glaubensverständnis hinaus zu einer Art Schwester von Hannah Arendt oder auch Peter Weiss.

Dem Text auf der Spur

Die poetische Kraft dieses ebenso kurzen wie wirkmächtigen Werkes erwies sich schon bei einer von Wolfgang Haendeler als Theaterdirektor initiierten öffentlichen Lesung im Oktober 2017, die in der Krypta des Münsters St. Bonifatius in Hameln stattfand. In dem sakralen Raum, der in etwa zeitgleich zur Regentschaft von König Johann erbaut worden war, lasen Wolfgang Haendeler und Dramaturgin Ilka Voß vor einem gebannten Publikum die diesem bis dahin weitgehend unbekannte Erzählung.

Doch bereits zuvor hatte Wolfgang Haendeler Gelegenheit gehabt, sich mit dem literarischen Kosmos von Gertrud von le Fort zu beschäftigen, als er als Leitender Dramaturg des Musiktheaters an der Linzer Neuinszenierung der Dialogues des Carmélites (März 2012) im Verbund mit Regisseur Roland Schwab mitwirken konnte.

In Linz begegnete er zudem als Musikalischem Leiter Ingo Ingensand in zwei gemeinsamen Opernproduktionen: Verdis Rigoletto (September 2012) und Mozarts Così fan tutte (Oktober 2012). - Ingo Ingensand, der nach Theaterstationen in Heidelberg, Basel und Köln von 1985 bis 2016, somit mehr als 30 Jahre, als 1. Kapellmeister in Linz wie auch als Stellvertretender Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz firmierte und von 2000 bis 2002, bis zum Dienstantritt von GMD Dennis Russell Davies, auch Künstlerischer Leiter des Bruckner Orchesters Linz gewesen war, fungierte zudem als Dozent für Dirigieren, Komposition und Musiktheorie an der Anton Bruckner Privatuniversität. Seit 2010 hat er sich verstärkt in Österreich und Deutschland auch als Komponist profilieren können: u. a. mit zwei großen Symphonien, einem Violinkonzert und zahlreichen kammermusikalischen Werken (s. www.ingo-ingensand.at).  

Im über die Jahre in Linz sich intensivierenden Austausch über Wort und Musik entstand zwischen ihnen der beiderseitige Wunsch, Gertrud von le Forts Erzählung Das Gericht des Meeres als gemeinschaftliches Opernwerk herauszubringen, wobei eine enge Zusammenarbeit zwischen Librettist und Komponist, auch in Detailfragen, von vornherein gewollt war. Durch den Wechsel von Wolfgang Haendeler als Theaterdirektor ins niedersächsische Hameln verzögerte sich die Erarbeitung des Librettos, das schließlich im Frühjahr 2020 fertiggestellt und im Sommer 2020 als Ganzes dem auf Sylt im Urlaub weilenden Komponisten vorgestellt wurde. Bis zur Fertigstellung der Partitur im Jahre 2022 wurde immer wieder am Text und damit auch an den Profilen der Charaktere und an deren Beweggründen akribisch gefeilt, um insbesondere im Wort-Ton-Verhältnis ein ähnliches Maß an Dichte und Ausdruckskraft zu erzielen, wie es auch der literarischen Vorlage zu eigen ist.

Der Musik auf der Spur

Wäre das Meer nicht - Das Gericht des Meeres hätte in seiner mit geradezu antiker Strenge vorgetragenen Konzentration des Stoffes als ideale Kammeroper angelegt werden können. Aber das Meer IST, und es fordert als über Leben und Tod gebietende Kraft eine Präsenz, die das Werk sowohl durch die Orchesterbesetzung als auch durch längere Vor-, Nach- und Zwischenspiele zur „großen Oper“ werden lässt. - Zudem wird die zentrale Auseinandersetzung um die Frage, wie dem kranken Kind des Königspaares geholfen werden könne, vor dem ganzen königlichen Gefolge ausgetragen, wodurch auch dem kommentierenden Chor eine wesentliche Rolle zukommt.

Der sich wie in einem Trichter stringent zuspitzende Handlungsverlauf findet seine Entsprechung in einer Tonsprache freier Dodekaphonie, die die Folgerichtigkeit des Geschehens widerzuspiegeln vermag und die zugleich die Gefühle und Gedanken der „dramatis personae“ mit hoher Expressivität ausgestaltet.

Viele Spuren - ein Zielpunkt

Am Ende der Oper wechselt der Fokus abermals: von König Johann über Anne de Vitré auf das Kind, um das es von Anfang an ging: „Ein Kind, so klein / und doch schon / unverwechselbar (…) / In seinen aufgeriss’nen Augen / stand der Wunsch zu leben / ganz für sich selbst.“

Das Kind in der Wiege mag erinnern an das Kind in der Krippe. Aber über das christliche Bekenntnis hinaus ist Gertrud von le Forts Erzählung Das Gericht des Meeres ein wortgewaltig vorgetragenes Plädoyer für die Würde eines jeden Menschen.

Und findet somit ebenfalls folgerichtig nun ihren Platz in der größten aller theatralischen Kunstformen, die seit ihrer Entstehung von der Wiedergeburt des Menschen träumt: der Oper.

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